Harald Dobmayer beschäftigt sich in seiner Mental-Serie diesmal mit den Themen "Negative Raumanker" und "After-Shot-Jammern". Erschienen in der Juli/August 2010-Ausgabe von FAIRWAYS, dem Golfsport-Magazin.
Unsere Mental-Q&A-Miniserie scheint bei Ihnen derart gut anzukommen, dass ich auch diesmal gerne zwei der eingegangenen Fragen mit Ihnen abarbeiten möchte. Auch wenn ich diesmal und zukünftig nicht in der Lage sein werde, auf alle Ihre Fragen einzugehen, möchte ich Sie dennoch ermuntern, mir diese weiterhin per E-Mail an golfmental@properformance.de zukommen zu lassen.
Auf der letzten Runde meinte mein Flightpartner zu mir, ich solle doch endlich mit dem Jammern aufhören. Erst hat mich das geärgert, dann erschüttert, jetzt stimmt es mich nachdenklich …
Ich kenne natürlich nicht den eigentlichen Grund, warum Ihr Flightpartner sie darauf angesprochen hat (vielleicht fühlte er sich von Ihren Äußerungen selbst mental runtergezogen?). Sie sollten ihm auf jeden Fall dankbar sein, dass er es angesprochen hat, denn häufig merken wir selber nicht mehr, wie sehr wir uns klein und schlecht reden.
Stellen Sie sich mal vor, Ihr Caddie würde so mit Ihnen reden, wie Sie es tun. Wie würden Sie reagieren? Statt dankbar zu sein für seine kritischen Anmerkungen, würden Sie ihn wohl eher Ihren Driver schlucken lassen, und zwar quer. Also gehen Sie mit sich selbst wenigstens so gut und wertschätzend um, wie Sie es auch von anderen erwarten würden.
Verstehen Sie mich nicht falsch: Kritische Gedanken sind nicht generell verwerflich und haben sicherlich auch Ihren Sinn und Platz. Nach einem verpatzten Schlag oder einer schlechten Runde dürfen Sie sich ärgern und jammern. Ich sage meinen Klienten in solchen Situationen immer: „Lasst Eure innere Weicheieruhr einmal ablaufen. Aber wenn sie durchgelaufen ist, dreht sie nicht wieder und wieder um!“ Und genau darum geht es: Ärgern Sie sich. Fragen Sie sich, wie es dazu kommen konnte. Überlegen Sie, was Sie nächstes Mal besser machen können. Aber danach ist die Weicheieruhr durchgelaufen und Sie haben gefälligst wieder positiv nach vorne zu schauen. Möglicherweise hilft es Ihnen, wenn Sie sich vorstellen, wie Sie Ihren ganzen Ärger und Jammer mit einem einzigen kräftigen Pusten aus Ihrem Körper befördern. Pusten Sie ihn seitlich ins Rough, da kann auch kein nachfolgender Flight über Ihren Psychomüll stolpern.
Vor einiger Zeit hatte ich Ihnen das Geheimnis eines optimalen mentalen Zustands, des sogenannten Flow, verraten: Seien Sie ganz im Hier und Jetzt. Was Millionen Buddhisten täglich praktizieren, kann so falsch nicht sein, richtig? Nur wenn Sie sich ganz auf das Hier und Jetzt konzentrieren, können Sie ganz bei sich sein. Wie ist es aber nun mit dem Jammern? Worüber jammern Sie? Bestimmt nicht über das Jetzt, denn da tun Sie ja nichts Falsches (außer eben zu jammern …). Sie jammern über die Vergangenheit („Was war das denn für eine Gurke?!“) oder über die Zukunft („Na, den Putt kannste ja auch gleich noch danebenkullern lassen …“). Um aus dem Jammern herauszukommen, konzentrieren Sie sich also ganz auf das Hier und Jetzt, das sollte Ablenkung genug sein.
Ich habe derzeit extreme Probleme mit meinem kurzen Spiel. Sobald ich in die Nähe des Grüns komme, fange ich an zu schwitzen und werde zittrig. Was kann ich nur dagegen tun?!
Das Phänomen, das Sie da beschreiben, nennen wir Mental-Coaches einen negativen Raumanker. Sobald Sie an einen bestimmten Ort kommen, entwickeln Sie bestimmte Gefühle, in Ihrem Falle leider negative. Erinnern Sie sich an mein S-O-R-Modell aus der Fairways Nr. 1/2009? Wenn nicht, finden Sie es im Download- Bereich meiner Website www.properformance.de unter den Veröffentlichungen. In Ihrem Fall ist das Grün ein negativer Stimulus (S). Aus einem bestimmten Grund (wahrscheinlich, weil sie mehrmals hintereinander schlechte kurze Schläge gemacht haben) reagiert Ihr Körper (O wie Organismus) auf diesen Reiz, indem er sich erinnert und in Ihnen Angst erzeugt.
Diese Angstreaktion zeigen wir evolutionsbedingt: Hätten unsere Vorfahren keine Angst gekannt, wären Sie sicherlich den wilden Tieren zum Opfern gefallen und ausgestorben. In bestimmten Situationen meint es unser Gehirn also nur gut mit uns und möchte uns daran erinnern, dass wir in ähnlichen Situationen in der Vergangenheit Probleme bekommen haben. Nun kämpfen wir auf dem Golfplatz jedoch eher mit krummen Schlägen als mit wilden Bären, und genau das hat unser Gehirn leider bis heute noch nicht ganz begriffen. Auch auf unseren bärenfreien Golfanlagen versorgt uns unser Körper mit aufmerksamkeitssteigerndem Adrenalin (R wie Response). Leider ist diese Hilfestellung für uns zu viel des Guten, denn es macht uns starr und angespannt – eine der schlechtesten Voraussetzungen für ein gutes Golf, insbesondere für ein gutes kurzes Spiel.
Was gilt es also zu tun? Sie müssen Ihrem Gehirn klarmachen, dass Ihnen rund um und auf dem Grün keine wirkliche Gefahr droht. Sprechen Sie mit ihm. Sagen Sie ihm „Nett von Dir, dass Du mir helfen willst, aber hier komme ich schon alleine klar. Ich bin mir der Situation bewusst und betrachte sie lieber als Chance denn als Gefahr oder Risiko.“
Weiterhin sollten Sie zusehen, dass sie Ihren negativen Raumanker durch einen positiven kompensieren. Im Mentaltraining nennen wir dies „Anker verschmelzen“. Bringen Sie sich also, bevor Sie sich dem Grün nähern, in einen positiven Gemüts- bzw. Gefühlszustand. Denken Sie an gute (Ab-)Schläge, die Sie vollbracht haben, oder gute Golfrunden. Sie können auch gerne an angenehme Dinge außerhalb des Golfplatzes denken. Wenn Sie bereits mit der Ankertechnik vertraut sind und über positive Anker verfügen, dann rufen Sie sie nun ab! Halten Sie diesen Gefühlszustand auf Ihrem Weg zum und auf das Grün, solange es nur irgendwie geht! Ich bin mir ganz sicher: Es wird Ihnen von Mal zu Mal besser und länger gelingen.
Auch hier erkennen wir wieder einen von mir schon oft angesprochenen Effekt: Solange wir unser Gehirn mit Positivem füttern, wird es nicht in der Lage sein, selbst Negatives zu produzieren. Vorhandene negative Gedanken bekommen wir hingegen nur dann aus unserem Kopf, wenn wir sie durch positive verdrängen. Selbstverständlich können das auch positive Visualisierungen sein: Stellen Sie sich vor, wie Sie den bevorstehenden Chip tot an die Fahne legen oder den Zwei- Meter-Putt mit der größten Sicherheit und Selbstverständlichkeit lochen. Auch derlei positive Bilder werden mittel- bis langfristig Ihren Körper zum Umdenken bewegen und Ihnen Vorfreude statt Panik bescheren!