In der Mai/Juni 2011-Ausgabe des Golfmagazins Fairways erkläre ich meinen Lesern, wie sie ihre mentalen Telemetrie-Daten mittels eines Mentaltagebuchs sammeln. Was gehört da alles hinein? Warum sind diese Informationen von entscheidender Bedeutung für das Mentaltraining? Und wie ermittle ich diese Daten, wie erhalte ich diese Informationen?
„Es ist zum Verrückt-Werden: An einem Tag klappt’s super, am nächsten wieder überhaupt nicht!“ Solche Aussagen höre ich sehr, sehr häufig von meinen Klienten. Wenn Fehler nur zeitweise auftreten, dann liegt das Problem sehr häufig gar nicht an der mangelhaften Technik, sondern vielmehr im Kopf. Wie sonst ist es zu erklären, dass die kritischen Schläge an anderen Tagen tadellos funktionieren?!
„Aber ich kann doch nicht nach jeder Runde zum Mentaltrainer laufen!“, mögen Sie jetzt nicht ohne Grund einwenden. Müssen Sie auch gar nicht unbedingt. Aber unabhängig davon, ob Sie sich mit Ihren Leistungsschwankungen einem Coach anvertrauen oder sich selbst auf Ursachen- und Lösungssuche begeben, möchte ich Ihnen heute zeigen, wie Sie diesen Prozess bereits auf der Runde oder auf der Range optimal vorbereiten.
Stellen Sie sich vor, Ihr Auto macht an manchen Tagen eigenartige Geräusche, an anderen jedoch nicht. Sie fahren Ihren Wagen in die Werkstatt, doch just am Tag des Werkstattbesuchs summt Ihr Auto gesund wie eine junge Biene auf Honigsuche. Im Zeitalter der Elektronik und digitalen Information wird Ihr Mechaniker zunächst einmal die Telemetrie-Daten Ihres Autos auslesen und anhand dieser Daten nach Ursachen für die Geräusche zu suchen. Genau das sollten Sie mit Ihrem Golfspiel auch machen: Sammeln Sie Telemetrie-Daten und werten Sie sie später – alleine oder mit Ihrem Mentaltrainer – aus!
Das erste, was ich Neuklienten stets wärmstens empfehle: Führen Sie ab sofort ein Mental-Tagebuch. Besorgen Sie sich ein kleines Notizbüchlein, oder nehmen Sie einfach ein Blatt Papier mit auf die Runde, das Sie nachher in einem Ringbuch ablegen. Doch was gehört nun alles in Ihr Tagebuch? Dieses Datenmaterial unterteile ich in vier Kategorien: Ergebnisse, äußere Umstände, innere Werte und Kommentare.
Unter „Ergebnisse“ tragen Sie nach einer Platzrunde natürlich Ihren Score ein. Je nach Fehler-Baustelle ergänzen Sie ihn durch Angaben wie Fairways in Regulation, Greens in Regulation oder Anzahl der Putts. Aber ganz wichtig: Neben diesen quantitativen Ergebnissen darf Ihre qualitative Aussage nicht fehlen: Wie zufrieden waren Sie mit dem Ergebnis? Was hat gut geklappt, was nicht? Würden Sie die Runde als erfolgreich bezeichnen (welche Kriterien auch immer Sie dafür anlegen)? Gerade diese qualitativen Ergebnisaussagen sollten Sie auch nach Trainingseinheiten auf der Driving Range in Ihrem Tagebuch notieren.
Die äußeren Umstände beinhalten alles, was Ihr Golfspiel möglicherweise beeinflussen könnte und nicht „in Ihnen drin steckt“: Tageszeit, Wetterbedingungen, Platzbeschaffenheit und -charakteristik. Sie müssen kein Stimpmeter mit sich tragen, um die Geschwindigkeit der Grüns zu bestimmen, hier langt generell Ihre persönliche Einschätzung. Hatten Sie Stress oder körperliche Anstrengungen vor der Runde? Hatten Sie ausreichend Zeit, sich auf der Range und dem Putting-Grün einzuspielen? Wer waren Ihre Flight-Partner? Waren sie Ihnen sympathisch?
Für die „inneren Werte“ müssen Sie nun ein wenig in sich hineinhorchen. Die allererste Frage sollte lauten: Wie fühle ich mich gerade? Schreiben Sie dies quantitativ auf einer Skala von minus 5 bis plus 5 und zusätzlich qualitativ auf: Gut, gelöst, unter Druck, aggressiv, neugierig, gelangweilt, müde – hier sind Ihnen keine Grenzen gesetzt. Diesen Befindlichkeitscheck sollten Sie auch auf der Runde insbesondere nach misslungenen Schlägen machen: Wie fühlte ich mich vor dem Schlag? Wie fühle ich mich danach? Eine solche kurze Notiz kann Ihnen übrigens auch helfen, einen Fehlschlag zu verarbeiten und dann – wie Ihr Notizbüchlein – auch ganz schnell wegzustecken!
Messen Sie vor der Runde (oder auch nach schlechten Schlägen) gegebenenfalls Ihren Puls. Ähnlich wie beim Biathlon müssen Sie im Golf oft Kraft und Ausdauer beweisen, um eine Minute später eine der feinmotorisch anspruchsvollsten Bewegungsabläufe im Sport überhaupt abzuspulen. Da kann Ihnen Ihr Puls wertvolle Aussagen über Ihren inneren Ruhezustand machen. Ganz wichtig auch: Ihr Mental-Barometer! Fühlen Sie in sich hinein und bewerten Sie den inneren Druck, den Sie spüren, auf einer Skala von 1 bis 10. Hierfür können Sie wunderbar den Gang über das Fairway nutzen.
Direkt nach dem Schlag sollten Sie das tun, was ich gemeinhin als „Nachfühlen“ bezeichne: Verharren Sie in der Endposition, spüren Sie in sich hinein und halten Sie für sich fest, was Ihnen gerade durch den Kopf geht, was Sie womöglich belastet, wie Sie Ihre Schlagvorbereitung und -durchführung beurteilen. Nach guten Schlägen können Sie überdies den gelungenen Schwung und seine Kinästhetik noch einmal durchleben, die Euphorie intensiv und bewusst wahrnehmen. All dies hilft Ihrem Gehirn sich zu merken, wie er einen solch guten Schlag zukünftig ausführen kann.
Sollten Sie ein Metronom zur Hand haben, dann messen Sie doch vor der Runde einmal Ihre mentale Tagesgeschwindigkeit: Setzen Sie Ihre Kopfhörer auf, schalten Sie Ihr Metronom ein und variieren Sie die Taktung, bis Sie diejenige gefunden haben, mit der Sie sich am heutigen Tage am wohlsten fühlen. Notieren Sie diesen „inneren Wert“ auch in Ihrem Mental-Tagebuch. Wenn es auf der Runde mal nicht gut läuft, wiederholen Sie den Vorgang: Finden Sie die Taktung heraus, die Ihrem aktuellen inneren Rhythmus am ehesten entspricht, und notieren Sie auch diese in Ihrem Buch.
In der Rubrik „Kommentare“ dürfen Sie alles notieren, was Sie möchten: Gedanken, die Ihnen vor, während und nach der Runde durch den Kopf gehen. Anregungen, was Sie vielleicht einmal (anders) trainieren könnten. Fragen an Ihren Trainer oder Mentalcoach, die Ihnen in den Sinn gekommen sind. Außergewöhnliche Vorkommnisse auf der Runde. Dinge, die Sie aus der Ruhe gebracht haben.
Ich weiß: Das alles klingt nach sehr viel Zusatzarbeit. Aber ich kann Ihnen versichern: Es lohnt sich. Zahlreiche meiner Klienten haben anhand solcher Aufzeichnungen in ihren Mental-Tagebüchern Strukturen und Gesetzmäßigkeiten im Auftreten von mentalen Problemen identifizieren können. Und erst diese Ursachen ermöglichen es Ihnen, anschließend den richtigen Ansatz für die Behebung Ihrer mentalen Probleme auszuwählen.
In der nächsten Ausgabe werden wir uns damit beschäftigen, wie Sie die gewonnenen Daten optimal auswerten und daraus die richtigen Schlüsse ziehen. Bis dahin wünsche ich Ihnen viel Ausdauer, Disziplin, aber auch Freude beim Sammeln Ihrer mentalen Telemetriedaten!
PS: Im Juni und September biete ich wieder zweitägige Einführungsseminare in das mentale Training an. Diese offenen Workshops bieten eine ideale Gelegenheit, sich nützliche Grundtechniken des mentalen Trainings durch Demonstration und Ausprobieren anzueignen. Nähere Informationen hierzu finden Sie auf meiner Website unter www.properformance.de.
Harald Dobmayer betreut unter dem Label pro performance® Spitzensportler und Führungskräfte als Mentalcoach und Performance-Trainer. Im Golfbereich coacht er neben zahlreichen Amateuren aller Handicap-Klassen auch Tour-Professionals. Er ist NLP-Master und verfügt über zahlreiche Zusatzausbildungen, unter anderem in moderner Hypnose.
Harald Dobmayer trainiert Einzelpersonen ebenso wie Mannschaften. Für weitere Informationen und die Absprache von Trainings- oder Vortragsterminen ist er über die Website www.properformance.de oder über sein Kronberger Büro unter 06173 / 95 07 95 zu erreichen.
Denise Kalek spielt seit ihrem elften Lebensjahr Golf. Bereits 2006 belegte sie den 5. Platz bei der Deutschen Meisterschaft AK16. 2009 wurde sie nordrhein-westfälische Meisterin AK18 und errang den Titel zusätzlich auch mit der Mädchen-Mannschaft des GC Hummelbachaue. Denise war 2008 und 2009 festes Mitglied im Nationalkader. Derzeit spielt die 19-Jährige für den Düsseldorfer Golfclub in der 1. Bundesliga.
Text: Harald Dobmayer, Fotos: Alexandra Philipp